Beitragsbild: Philipp Wohlfart
Interview mit Bastian Steger, dem dienstältesten Bundesligaspieler Deutschlands
Als Bastian Steger im Sommer 2019 zum TSV Bad Königshofen wechselte, war kaum abzusehen, welche Erfolgsgeschichte entstehen würde. Inzwischen geht der ehemalige Nationalspieler bereits in seine achte Saison im TSV-Trikot – und damit ist Bad Königshofen zur längsten Station seiner beeindruckenden Profikarriere geworden.
Dabei kreuzten sich die Wege von Bastian Steger und dem TSV schon deutlich früher. Im allerersten Bundesliga-Spiel der Vereinsgeschichte im Jahr 2017 stand er den Grabfeldern noch als Spieler von Werder Bremen gegenüber. Ausgerechnet er war damals der Gegner für das erste Einzel des TSV in der TTBL überhaupt und bezwang dabei Kilian Ort. Heute schreibt er selbst Vereinsgeschichte in Bad Königshofen – eine Entwicklung, die damals wohl niemand vorhergesehen hätte.
Seit seinem Bundesliga-Debüt im Jahr 2000 spielte Steger für Borussia Düsseldorf, den TTC Frickenhausen, den 1. FC Saarbrücken TT und Werder Bremen, ehe er den Weg nach Bad Königshofen fand. Seine Karriere ist gespickt mit Erfolgen: zweimal Olympische Bronzemedaille mit der deutschen Nationalmannschaft (2012 und 2016), mehrfacher Europameister sowie Deutscher Meister und Pokalsieger.
Auch sportlich setzt „Basti“ beim TSV Maßstäbe. Mit einer Siegquote von knapp 61 Prozent (120 Siege, 77 Niederlagen) weist er die beste TTBL-Bilanz aller bisherigen Bundesligaspieler des TSV Bad Königshofen auf. In der vergangenen Saison belegte der mittlerweile dienst-älteste Spieler der TTBL mit einer starken 16:9-Bilanz Rang elf der Liga. Vor ihm lagen neben dem aktuellen Olympiasieger und mehrfachen Weltmeister nur noch neun weitere Spieler – darunter allein sechs Akteure aus den aktuellen Top 20 der Weltrangliste. Ein eindrucksvoller Beleg dafür, welch außergewöhnliches Niveau Bastian Steger auch heute noch erreicht.
Seine taktische Variabilität, seine Spielintelligenz und sein außergewöhnlicher Rückhand-Topspin aus der Halbdistanz machen ihn seit mehr als zwei Jahrzehnten zu einem der faszinierendsten Spieler Deutschlands. Doch Zahlen und Titel erzählen nur einen Teil der Geschichte. Denn längst ist Bastian Steger weit mehr als ein Leistungsträger – er ist Identifikationsfigur, Sympathieträger, Vorbild und aus Mannschaft, Verein und den Herzen der TSV-Fans nicht mehr wegzudenken.




Unzweifelhaft: Basti ist im Herzen längst ein Königshöfer! (Bilder Rudi Dümpert)
Jürgen Halbig als Marketingverantwortlicher des TSV führte das Gespräch mit Basti:
Bastian, als du 2019 von Werder Bremen nach Bad Königshofen gewechselt bist, hätte wohl niemand erwartet, dass du acht Jahre später noch immer das TSV-Trikot tragen würdest. Bei keinem anderen Bundesligisten hast du länger gespielt. Was macht den TSV Bad Königshofen für dich so besonders?
Der Grund ist, dass ich mich extrem wohlfühle und das gesamte Vereinsumfeld familiär ist, angefangen von den Fans, den Helfern, den Sponsoren.
Kannst du dich noch an deinen ersten Auftritt in Bad Königshofen erinnern – damals allerdings noch als Gegner im Trikot des SB Regensburg? Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Zeit?
Schwierig zu erinnern. Ich weiß aber noch, dass da der Josef (Anm.: Vater von Kilian Ort) in der Mannschaft gespielt hat. Weiß aber nicht, ob ich da im Einzel oder im Doppel gegen ihn gespielt habe. Das kann sich vielleicht noch der Josef daran erinnern.
Gemeinsam mit Filip Zeljko bist du längst zu einer Identifikationsfigur für die TSV-Fans geworden. Wie wichtig ist dir dieser besondere Draht zu den Zuschauern?
Der enge Kontakt zu unseren Fans ist sehr schön, wenn man sieht wieviel Freude sie an unserem Spiel haben, wieviel man ihnen geben kann. Daher ist es auch immer der Kontakt nach dem Spiel mit ihnen schön. Auch auswärts ist es immer eine super Unterstützung. Da muss man natürlich auch Josef Weber nennen, den man ja in jeder Halle hört, egal wie voll sie ist. Da haben wir einige Siege eingefahren, die wir ohne diese Unterstützung nicht gelandet hätten.
Die Unterstützung der TSV-Anhänger ist auch auswärts oft unüberhörbar. Wie sehr hilft dir diese Atmosphäre am Tisch? Gibt es Momente, in denen eine solche Erwartungshaltung auch zusätzlichen Druck erzeugt?
Druck spüren wir hier gar nicht. Immer nur positiv, wenn die Fans dabei sein. Die kommen auch nach dem Spiel, wenn es nicht geklappt hat und sind so positiv, das hilft den Spielern enorm.
Du hast bereits im Jahr 2000 dein erstes Bundesliga-Spiel bestritten. Viele deiner heutigen Gegner waren damals noch nicht einmal geboren. Spürst du diesen Generationenwechsel im Alltag – und ist deine Erfahrung eher ein Vorteil oder manchmal auch ein Nachteil?
Es sind sehr viele die da nachkommen, die sind schnell, haben unheimliche Power diese jungen Spieler. Das ist schon eine große Herausforderung. Ich weiß, dass ich aber ein Spielsystem habe auf das ich mich gut verlassen kann und trotzdem muss man sich immer was neues ausdenken um nicht zu ausrechenbar zu sein gegen die Jüngeren und (mit einem Lächeln) die sind mittlerweile ja ALLE jünger.
In deinem Wikipedia-Eintrag wird der Rückhand-Topspin als dein Spezialschlag bezeichnet. Vor allem aus der Halbdistanz gelingt dir dieser Schlag bis heute auf außergewöhnlichem Niveau. Wie hat sich diese Stärke entwickelt? War das Talent, Training oder eine Mischung aus beidem?
Mein Papa als Trainer hat immer Wert auf eine gute Rückhand gelegt. Und das war früher nicht so ausgeprägt bei vielen. Er hat immer gesagt, Rückhand wird zunehmend wichtiger. Dafür bin ich ihm sehr dankbar, denn das hat sich durchaus ausgezahlt.
In der vergangenen Saison hast du acht von zehn Fünfsatzspielen gewonnen. Ist das vor allem eine Frage der Nervenstärke, der Erfahrung oder gibt es ein besonderes Erfolgsrezept für enge Matches?
Habe ich gar nicht mehr so im Kopf gehabt. Das hört sich ganz ordentlich an. Nervenstärke kann man schwierig trainieren. Das ist vielleicht auch Typsache und würde ich auch unterschreiben, dass ich eine gewisse Nervenstärke habe. Knappe Spiele machen den Reiz des Sports aus. Gerade bei den Sätzen jetzt bis 11 (Anm.: war früher bis 21) ist gefühlt jeder Satz eng und es ist fast Normalität geworden, dass man eine gewisse Nervenstärke braucht.
Gibt es einen jungen Spieler in der Bundesliga, dessen Entwicklung du besonders aufmerksam verfolgst?
Ich hoffe, dass der Andre weiter durchstartet und uns in Königshofen dann noch weiterhilft. Das wäre mir am liebsten. Er hat eine gute Entwicklung gemacht und kann da noch weiterkommen. Er ist einfach ein guter Typ.
Du hast in deiner Karriere nahezu alles erlebt. Welcher Moment war bislang der emotionalste deiner Laufbahn? Und welches Erlebnis mit dem TSV Bad Königshofen hat bei dir einen besonderen Platz im Gedächtnis?
Das waren natürlich die beiden Olympiamedaillen. Das ist der Traum eines jeden Sportlers und ist ganz oben anzusiedeln. Und beim TSV die beiden Playoffteilnahmen und da vor allem der Sieg gegen Düsseldorf im ersten Playoffspiel, dass wir Düsseldorf ins dritte Spiel gezwungen haben und auch enge Spiele gezeigt haben. Das war für den gesamten Verein sehr sehr historisch gewesen.
Seit etwas mehr als einem Jahr bist du Vater. Wie hat diese neue Rolle dein Leben verändert – als Mensch und vielleicht auch als Sportler?
Ja mit Nachwuchs und Family ist man schon zeitlich eingespannt.
Mit der Geburt von Matteo im letzten Jahr hat sich alles verändert. Da hatte ich auch ein wenig Bammel vor der letzten Saison, muss ich ehrlich gestehen, weil zu der Zeit nicht ganz soviel Training möglich war. Habe ja dennoch eine sehr gute Bilanz gespielt (Anm.: nicht sehr gut, sondern überragend; s. Einleitung). Das war für mich selbst ein wenig überraschend. Aktuell ist bei den Nächten noch ein wenig Luft nach oben. Aber das soll ja alles besser werden habe ich gehört. Ist herausfordernd, aber unheimlich schön.
Wofür begeisterst du dich abseits des Tischtennissports besonders? Ich glaube du spielst ganz passabel Tennis und Timo Boll hat mal gesagt, da hättest du ihn auch besiegt.
Richtig, ich spiele ganz gerne Tennis. Das war auch mein Start als kleiner Bub neben dem Tischtennis. Mit 9 Jahren musste ich mich dann entscheiden. Zwei Sportarten gingen dann nicht mehr. Die Leidenschaft fürs Tennis ist aber geblieben und gerade im Sommer gibt es noch die Möglichkeit das eine oder andere Match zu machen, gerade auch innerhalb unserer Trainingsgruppe. Und zu Timo Boll. Er hat zu Hause einen eigenen Court und da habe ich mal gegen ihn gespielt und gewonnen und da wartet er noch auf die Revanche.
Die vergangene Saison war vermutlich die schwierigste in der bisherigen Bundesligageschichte des TSV. Nach zwei Playoff-Teilnahmen waren die Erwartungen groß, gleichzeitig war intern allen bewusst, wie stark die Liga geworden ist und dass der Abgang von Jin Ueda (noch) nicht eins zu eins zu kompensieren war. Nach der Vorrunde lagen wir vier Punkte hinter dem rettenden Ufer. Was wünschst Du Dir für die kommende Runde?
Hoffe, dass wir nicht so lange wie letztes Jahr um den Klassenerhalt zittern müssen. Das war schon extrem. Das würde ich mir auch für den gesamten Verein wünschen, weil da sehr viel auf dem Spiel steht
Dem können wir uns nur anschließen. Lieber Basti vielen Dank für das Interview, längere Nächte und einen guten Start in deine persönlich 27. Bundesligasaison am 18. August, wenn es dann wieder einmal zuerst gegen Kilian geht. Allerdings mit vertauschten Rollen zu 2017: Du im TSV-Trikot und Kilian auf der Gästebank.

