{"id":9894,"date":"2022-03-05T08:46:39","date_gmt":"2022-03-05T07:46:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tsvbadkoenigshofen-tischtennis.de\/?p=9894"},"modified":"2022-03-05T08:46:39","modified_gmt":"2022-03-05T07:46:39","slug":"statt-tischtennis-die-ehefrau-aus-der-ukraine-gerettet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tsvbadkoenigshofen-tischtennis.de\/?p=9894","title":{"rendered":"Statt Tischtennis die Ehefrau aus der Ukraine gerettet"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph und Vladyslava Sch\u00fcller schlossen sich an der polnisch-ukrainischen Grenze in die Arme<\/strong><\/p>\n<p><strong>Bad K\u00f6nigshofen (rd)<\/strong> Christoph Sch\u00fcller aus Kleinbardorf ist Spielf\u00fchrer der Tischtennis-Regionalliga-Mannschaft des TSV Bad K\u00f6nigshofen II. Er lebt und arbeitet in Wien und ist gew\u00f6hnlich an manchen Wochenenden unterwegs in Sachen Tischtennis: in Bayern, Th\u00fcringen und Sachsen. Am vergangenen Samstag gegen den Tabellenletzten und am Sonntag beim Ersten musste sein Team ohne ihn antreten. Den Grund kannte zun\u00e4chst kaum jemand. Er k\u00e4mpfte an einer anderen Front, holte seine Frau Vladimira aus dem ukrainischen Kriegsgebiet zur\u00fcck. \u00dcber deren und seine Erlebnisse berichtete er dieser Redaktion in einem Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Christoph (29) und Vlada Sch\u00fcller (27) lernten sich w\u00e4hrend ihres Studiums in Prag kennen. Er ist von Beruf Investment-Analyst, sie Finanz-Analystin. Verheiratet sind sie seit Mai 2020, im M\u00e4rz 2020\u00a0 waren sie nach Wien umgesiedelt. Am Montag vor einer Woche, den 21. Februar 2022, flog Vlada in die Ukraine, ihre Familie zu besuchen. \u201eNoch einmal\u201c, f\u00fcgt sie hinzu, in Bef\u00fcrchtung dessen, was auch eintreffen sollte als Folge des Bedrohungs-Szenarios der Russen entlang der Grenze, der \u00dcberfall auf die Ukraine. Geplant war ihr R\u00fcckflug f\u00fcr Freitag. Aber am Donnerstag brach der Krieg aus. \u201eDa fand der Angriff der Soldaten aus dem anderen Land statt\u201c, schaltet sich Vlada immer wieder aufgeregt ins Gespr\u00e4ch ein. Das Wort \u201eRussland\u201c oder \u201eRussen\u201c gebraucht sie nicht. Ihre Betroffenheit weist zwei Tage nach ihrer R\u00fcckkehr nach Wien traumatische Zust\u00e4nde auf.<\/p>\n<p>Christoph erinnert sich: \u201eIch bin am Donnerstag fr\u00fch aufgewacht, dann ging\u00b4s los. Auch er, der Besonnene, Strukturierte, spricht mit ganz anderem Tempo und Lautst\u00e4rke als sonst. Vladas Heimatstadt Krywji Rogh, die l\u00e4ngste Stadt der Welt mit \u00fcber 100 km Ausdehnung, hat einen Milit\u00e4r-Flughafen und stand bereits unter Beschuss. Per Handy war das Ehepaar \u00fcber die gef\u00e4hrliche Entwicklung in Kontakt. \u201eIch habe ihr sofort geraten, raus, sofort raus, irgendwie ins Auto und los. Aber Vlada hat k\u00fchleren Kopf behalten als ich.\u201c Die Strecke aus der S\u00fcd-Ost-Ukraine zwischen der Krim und dem Donbas bis rauf nach Polen, rund 1200 km, sei zu weit und es wurde von endlosen Staus berichtet, so dass mit drei Tagen zu rechnen sei. \u201eUnd es gibt Pl\u00fcnderer, welche die Autos im Stau \u00fcberfallen und ausrauben, weil die Leute viel Bargeld mitnehmen\u201c, tr\u00e4gt sie bei. \u201eDie Leute haben doch Hab und Gut mitgenommen.\u201c<\/p>\n<p>Davon hat man hier in den Medien noch gar nichts mitbekommen. Vlada kam gl\u00fccklicherweise an Tickets f\u00fcr einen der Evakuierungsz\u00fcge nach Lwiw (Lemberg), nahe der polnischen Grenze. Ihre Mutter konnte sie \u00fcberreden mitzugehen. Die beiden nahmen noch eine junge Frau mit einem Baby mit. \u201eEs war wie g\u00f6ttliche F\u00fcgung. So konnten wir gleich zu viert gerettet werden. Alleine h\u00e4tte es wohl keiner von uns gewagt.\u201c Ihr Vater (58) durfte und wollte auch nicht mit. Er blieb bei Vladas gehbehinderten Gro\u00dfeltern und muss sich beim Milit\u00e4r melden.<\/p>\n<p>Oberste Pr\u00e4misse war Richtung Westen, raus aus der Gefahrenzone und nicht durch Kiew. Vlada entschied sich auch deshalb f\u00fcr die Bahn, weil die nicht vor der Grenze, sondern erst in Polen halten sollte. Neu planen mussten die Fl\u00fcchtlinge, als es hie\u00df, die Z\u00fcge fahren nur bis Lemberg und dann wieder zur\u00fcck, um noch mehr Leute raus holen zu k\u00f6nnen. \u201eZu dem Zeitpunkt\u201c, so Christoph Sch\u00fcller, \u201ewar ich schon in Polen, war am Samstag fr\u00fch um f\u00fcnf Uhr losgefahren. Dann erfuhr er von Vlada, dass man sich nicht an dem vereinbarten Bahnhof in Polen w\u00fcrde treffen k\u00f6nnen. W\u00e4hrend seine Frau schon neue Pl\u00e4ne schmiedete, wie sie die Gruppe raus bringen k\u00f6nne. Wieder hatte sie Gl\u00fcck, kam an Tickets f\u00fcr einen Bus. Aber, \u201e\u00fcberall entstand Panik, die Leute drehten durch. Es waren auch viele M\u00e4nner dabei, ausl\u00e4ndische Studenten und Arbeiter. Alle mussten erst kontrolliert werden, keiner kam ohne Ausweis durch.\u201c<\/p>\n<p>Die Verz\u00f6gerung zwang Christoph, 200 km ins Landesinnere Polens zu fahren, weil bis dahin alle Hotels ausgebucht waren von Leuten, die ihre Bekannten abholen wollten. \u201eNachts stellte ich mein Handy auf Alarm, um keinen Anruf zu verpassen. Ich wusste ja nicht, wann Vlada r\u00fcber kommen w\u00fcrde.\u201c Und sie erz\u00e4hlt: \u201eMit dem Bus ging es sehr, sehr langsam vorw\u00e4rts. Vor uns waren etwa 70 Busse. Pro Tag wurden aber nur 20 durch gelassen, weil jede Person kontrolliert wurde.\u201c Deshalb entschlossen sie sich, mit dem Baby auszusteigen, weil man zu Fu\u00df schneller vorw\u00e4rts kam als mit dem Bus.<\/p>\n<p>\u201eEs war alles sehr chaotisch\u201c, berichtet Christoph von seiner Suche nach dem Sammelpunkt hinter der Grenze auf polnischer Seite. \u201eEs gab keinerlei Hinweisschilder, kein Polizist sprach Englisch. Deshalb fuhr ich einfach Richtung Grenze, um mich anhalten zu lassen. So erfuhr ich per Zeichensprache und Google Maps, wo der Sammelpunkt zu finden war. Bis zu dem Vlada mit ihrer Fu\u00dfgruppe, bei Schnee- und Graupelschauern und eisiger K\u00e4lte, acht Stunden brauchte. \u201eEs gab viele Kinder, die weinten und wieder nach Hause wollten.\u201c\u00a0 Am Sonntag Abend um 21 Uhr kam es dann zum Treffen, zur ewigen Umarmung und bedeutendsten Szene ihres bisherigen Ehelebens. An der Stelle stockt das Gespr\u00e4ch f\u00fcr einige Momente. Dann: \u201eWir sind ins Hotel nach Krakau gefahren f\u00fcr ein paar Stunden Schlaf. Und am fr\u00fchen Montagmorgen brachen wir auf, quer durch Polen und Tschechien bis her\u00fcber nach Wien.<\/p>\n<p>Beim Erz\u00e4hlen dieser Fluchtgeschichte am Dienstagabend waren die beiden noch weit von der Normalit\u00e4t entfernt. Von Abschalten keine Spur. Vlada berichtet noch ganz aufgew\u00fchlt von mehreren Freunden in der Ukraine, die beide kennen gelernt haben. \u201eDie haben sich freiwillig gemeldet, werden in den Krieg ziehen, unser Land verteidigen helfen. Noch hat man genug ausgebildete Soldaten. Deshalb stehen sie erst als Reserve bereit.\u201c W\u00e4hrend Christoph besch\u00e4ftigt: \u201eIch kann dir sagen, was man bei uns im Fernsehen sieht, ist noch harmlos. Die Realit\u00e4t ist zehn mal schlimmer. Es ist wirklich schmutzig, wie der Krieg unschuldige Zivilisten rein zieht.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">In einer E-Mail reichten Christoph und Vlada Sch\u00fcller dem Gespr\u00e4ch noch nach:<\/span> \u201eEine Sache ist uns noch sehr wichtig: Wir m\u00f6chten die Leute \u00fcber diesen Artikel bitten, dass sie Hilfe leisten. Denn jede Form der Hilfe, auch wenn sie noch so als klein erachtet wird, ist ein Schritt, den Menschen zu helfen und ihr Leid zu mildern.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph und Vladyslava Sch\u00fcller schlossen sich an der polnisch-ukrainischen Grenze in die Arme Bad K\u00f6nigshofen (rd) Christoph Sch\u00fcller aus Kleinbardorf ist Spielf\u00fchrer der Tischtennis-Regionalliga-Mannschaft des TSV Bad K\u00f6nigshofen II. Er lebt und arbeitet in Wien und ist gew\u00f6hnlich an manchen Wochenenden unterwegs in Sachen Tischtennis: in Bayern, Th\u00fcringen und Sachsen. 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