Das Wunder von Düsseldorf

Bild TSV: Mit zwei Einzelsiegen trägt Darko Jorgic zum Sensationssieg in Düsseldorf bei Bild TSV: Mit zwei Einzelsiegen trägt Darko Jorgic zum Sensationssieg in Düsseldorf bei
Jorgic, Oikawa, Zeljko sichern dem TSV den Sensationssieg
Bad Königshofen (rd) Im ARAG-Center, dem Spiellokal des 29-fachen Deutschen Meisters und vierfachen Championsleague-Siegers Borussia Düsseldorf, gab es aus TSV-Sicht eine Tischtennis-Sensation. Als eine Stunde und insgesamt sieben Sätze gespielt waren, führte der Bundesliga-Neuling und Tabellenvorletzte TSV Bad Königshofen mit 2:0. Doch wer erinnerte sich da nicht an das Auswärtsspiel vor drei Wochen in Bergneustadt, als es ebenfalls 2:0 für die Rhön-Grabfelder stand und nach einem höchst dramatischen Finale 2:3. Beide Vereine hatten diesmal auf ihr Aushängeschild verzichtet. Bei den Rheinländern durfte Timo Boll pausieren, weil man über weitere drei Weltklasse-Spieler verfügt, die diesen Neuling doch in Schach zu halten fähig sein sollten. Und beim TSV gönnte man Kilian Ort eine schöpferische Pause, da er nach vier Wochen ohne Training wegen eines Bundeswehrlehrgangs sportlich von der Roille ist. Ihn vertrat Ersatzmann Filip Zeljko, der diese Saison nur in der Bayernliga-Truppe TSV II fleißig Punkte gesammelt hatte.
In den Ring stieg als Erster der TSV-Zweier Darko Jorgic gegen die Nr. 27 der Weltrangliste, den schwedischen Linkshänder Kristian Karlsson. Nach zehn Minuten hatte die kleine Königshöfer Fan-Kolonie ersten Grund zum Jubeln: Mit 11:9 war der Ehrensatz schon mal gelungen. Es folgten aber mit 11:9 und 11:6 die nächsten und der vermeintliche Ehrenpunkt – 1:0 für den TSV. Was ist denn da los, dachte man im ARAG-Centercourt. Dieser Jorgic zog seinen Matchplan konsequent durch, bereitete seine Angriffe sorgfältig vor und war immer darauf bedacht, als Erster die Initiative zur Angriffseröffnung zu ergreifen. Er war der Aktivere, immer näher an der Platte als sein Gegner, minimierte seine Fehlerquote und hatte vor allem seine Nerven bis zum letzten Punkt unter Kontrolle.
Dann schwebte Mizuki Oikawa auf seiner Form vom Vorsonntag auch gegen den österreichischen Staatsmeister, die Nr. 36 der Weltrangliste Stefan Fegerl, weiter zu einem siegreichen Flow. Ständiges Nachlaufen und erste Führung zum 10:9 und 11:9 für den kleinen Japaner. Den durch 34 Zentimeter Größenunterschied bedingten Reichweite-Nachteil glich er durch wieselflinke Laufarbeit und Wahnsinns-Reflexe aus. Ein gutes Auge, sicheres Gefühl, feine Technik, klasse Beinarbeit und wie er das Spiel des Gegners lesen konnte, halfen ihm, unterstützt von Trainer Koji Itagakis taktischen Anweisungen, zum 2:0-Satzvorsprung. Als der dritte Satz, der erste Satzgewinn für die Düsseldorfer nach 40 Minuten, weg war, bat der Hallensprecher das Publikum um Mithilfe. Doch Oikawa kam wieder zurück, gewann den vierten und das Spiel zur 2:0-Führung für Bad Königshofen. Düsseldorf 0:2 hinten, wann gab es das jemals? In diesem Jahr jedenfalls nicht.
Eine weitere, wegen zehn Sekunden aber unvollendete Sensation gab es dann im dritten Match. Der Ersatzmann Filip Zeljko, in der Weltrangliste nach ganz hinten durch gerutscht, hatte einen Riesen-Auftritt. Ihm hatte man am allerwenigsten zugetraut gegen den WR-74. Anton Källberg, aktueller schwedischer Einzelmeister. Aber der Hallensprecher erhöhte seine Forderungen an die 900 Zuschauer, bat um „Mithilfe vom ersten Ballwechsel an.“ Das half – zunächst. Zeljko wehrte im ersten Satz zwar zwei Satzbälle ab, verlor aber 10:12, war im zweiten nahezu chancenlos, 4:11. Doch was muss Itagaki diesem 20-Jährigen beim Seitenwechsel geflüstert haben! Der kämpfte sich erst mal frei, auch im Kopf, schmetterte nach Herzenslust und spielte sich in einen Rausch, wie zu besten Zweitliga-Zeiten. Er gewann den dritten Durchgang 11:5, den vierten sogar 11:4, und stand vor der Tür zu seinem persönlichen Tischtennis-Himmel, musste bei 9:9 im fünften Satz nur noch durch gehen. Noch zehn Sekunden, 3:0, und Bad Königshofen wäre in Tischtennis-Deutschland in aller Munde gewesen. Es sollte nicht sein – zwei „Lumpen für den Gegner, nur noch 2:1 für den TSV.
Gleiches Prozedere also wie vor drei Wochen in Bergneustadt? Nach dem vierten Spiel sah es schon mal danach aus. Im Einser-Duell hatte Karlsson Oikawa im Griff, der Königshöfer nur im zweiten Satz eine reelle Chance – 2:2, wie in Bergneustadt. Also doch wieder die ganze Last auf den Schultern des sportlich frühreifen Jungen (19) aus Slowenien, Nr. 119 der Weltrangliste.
Doch diesmal hielten die Nerven von Darko Jorgic. Schon im ersten Satz jagte er den Österreicher Fegerl mit seiner Rückhand, die die Bälle sicher wie ein TT-Roboter verteilte, von einer Ecke in die andere – 11:9. Der zweite Satz war gefühlt ein verschenkter. Jorgic drehte ein 2:7 zum 10:9-Satzball und verlor doch noch 10:12. Im dritten knallte er nach zwei vergebenen Satzbällen rotzfrech einen Rückhand-Return zum 11:10, der selbst beim 12:10 noch Nach-Wirkung zeigte. Und im vierten Satz hatte er bei 10:2 Fegerl fast schon von der Platte gefegt und machte mit 11:5 die Sensation perfekt. TT-Deutschland hat für ein paar Tage also doch Gesprächsstoff: „Das Wunder von Düsseldorf“ Und: Vielleicht kommt jetzt Timo Boll doch zum Rückspiel mit nach KÖN.
Ergebnisse:
Karlsson – Jorgic 0:3    (9:11/9:11/6:11)
Fegerl – Oikawa 1:3     9:11/8:11/11:8/8:11)
Källberg – Zeljko 3:2    (12:10/11:4/5:11/4:11/11:9)
Karlsson – Oikawa 3:0   (11:3/11:9/11:5)
Fegerl – Jorgic 1:3    (9:11/12:10/10:12/5:11)
Sätze: 8:11
Oberschiedsrichter: Heinbuch
Zuschauer: 900
Stimmen zum Spiel:
Kilian Ort: „Für alle, die nichts mit Tischtennis am Hut haben: Wenn Bad Königshofen in Düsseldorf gewinnt, dann ist das so, wie wenn im Fußball ein Aufsteiger, der noch nie in der Bundesliga war, in der Allianz-Arena gegen Bayern München gewinnt. Dann muss alles gepasst haben. Da muss zusammen kommen, dass wir gut spielen und die nicht. Es hätte aber nicht über drei Stunden dauern müssen, es hätte auch schon nach anderthalb Stunden aus sein können, als Filip bis auf zwei Bälle die Hand am Sieg dran hatte. Er hat einfach super gespielt, Darko und Mizuki natürlich auch. Deren zwei Spiele gingen erstaunlich schnell und glatt an uns. Ich stehe gerade vor meinem Auto vor der Abfahrt zur Bundeswehr nach Hannover. Obwohl ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht in einer Mannschaft spielte, ohne verletzt zu sein, fühle ich mich genau so als Teil dieser Mannschaft. Dafür sind wir kein Trio, sondern ein Quartett. Ich war froh, dass ich heute nicht spielen musste. Es macht einfach mehr Sinn, dass jemand spielt, der den Kopf frei hat, der nicht den Tischtennisschläger, sondern die P8, eine Pistole, im Kopf hat. Jetzt noch drei Wochen Feldwebel-Lehrgang, dann ein bisschen Zeit um wieder anzukommen, dann greife ich wieder an.“
Andy Albert, Manager: „Ich muss mich erst mal wieder runter kühlen. Das war Stress pur, mein Kopf glüht. Der Hallensprecher hat uns mit Bad Königshafen begrüßt. Da dachte ich, der soll nach dem Spiel auch noch wissen, wie wir heißen. Jorgic war heute Weltklasse, Oikawa war super stark und Zeljko hat 120 Prozent gespielt. Wenn der blöde Ball gegen ihn bei 10:9 im fünften Satz für ihn kommt, gewinnt der das Spiel und wir 3:0. Wir hatten heute super Fans hier, die Piechottas aus Köln/Bad Königshofen, die Heckenlauers aus Saal, die Ledigers aus Limbach bzw. Neuß, die Schmidts aus Essen bzw. Eyershausen, ein paar Japaner, Florian Lindenmayer aus Herschfeld, fallen mir ein: So drei Hände voll, das war heute der Hammer, was die für Stimmung für uns gemacht haben. Natürlich hatten wir draußen alle dieses Trauma von Bergneustadt im Hinterkopf. Die Spieler drinnen an der Platte, denke ich, aber nicht. Das war für alle heute ein überragendes Erlebnis.“

Letzte Änderung am Sonntag, 26 November 2017 19:18

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